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07.05.2020 | News |

Gedenken, Gedanken und Erinnerungen


zum 8. Mai 2020 |

Einige Ensemblemitglieder des o.N. sind am 7. Mai zum Sowjetischen Ehrenmal in der Schönholzer Heide in Berlin-Pankow gegangen und haben Blumen niedergelegt.

Uta Lindner teilt Erinnerungen und Gedanken zum Feiertag:

Ich bin Mitglied des Ensembles dieses Theaters und mache mir Gedanken über diesen Tag, der in diesem Jahr in Berlin ein offizieller Feiertag ist. Was heißt das für mich?

Dieser Tag gilt offiziell als Ende des 2. Weltkrieges. Er hat im Laufe der Jahrzehnte verschiedene Bezeichnungen gehabt: Tag des Zusammenbruchs, Stunde 0 u.a.

Inzwischen heißt er auch hier offiziell "Tag der Befreiung".

Hier in Berlin wurde in den Tagen vor dem 8. Mai 1945 die letzte Schlacht von der Roten Armee gegen das letzte Aufgebot an Kämpfern Deutschlands geschlagen und damit die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht erzwungen. Deutschland wurde damit nicht automatisch von den Nazis befreit. Deshalb nun heute unsere goldenen, glänzenden und bunten Zeichen gegen wieder zunehmendes Braun. Das ist das eine. Und das ist auch richtig. 

Vielleicht ist es aber auch richtig, an dem Tag der Vielen zu gedenken, die vor 75 Jahren Kraft und Leben für diese Befreiung riskiert und gegeben haben.

Ich habe vor, mit Günther und Werner - jeweils mit gebührendem Abstand - zum sowjetischen Ehrenmal in Schönholz zu fahren, dort eine Blume niederzulegen.

Ich bin 9 Jahre nach dem Krieg in Magdeburg geboren und 32 km davon entfernt in einer Kleinstadt aufgewachsen. In der völlig zerstörten Stadt Magdeburg lebten meine Großeltern. Mein Vater hat dort mit 16 Jahren das Ende des Krieges erlebt.

Ich erinnere mich an die ständige Bedrohlichkeit der Ruinenstadt und das Gewohntsein ihres Anblicks – den Krieg habe ich nicht erlebt, aber ich weiß, dass die Erwachsenen die Zerstörung miterlebt haben.

Ich erinnere mich an die ständige Präsenz von Militär (Russen) – Besatzung! Wir waren schuld am Krieg, wir haben ihn verloren! Die Russenkolonnen fahren nächtelang durch unsere kleine Stadt (der Stützpunkt Altengrabow ist in der Nähe) mit schwerem Kriegsgerät, Panzerspähwagen, auch Panzer – vor allem nachts, aber auch am Tag. Dann beben die kleinen Häuser der Stadt. Am Tage rennen wir Kinder an den Straßenrand, wo die Militärkolonnen fahren, stehen da und winken (kommst du mit, winken?) – die Russen sind unsere Freunde, man begrüßt sie! Manche der jungen Soldaten in den Autos, Lastern, Spähwagen winken zurück. Das freut uns wieder. Der Krieg und die Krieger mit ihren Werkzeugen sind noch immer nah.

Ich erinnere mich: Die Erwachsenen erzählen von Bombenangriffen, aber lassen das Grauen, das sie wirklich erlebt haben, weg. Trotzdem arbeitet meine Phantasie. Oft fliegen Düsenjäger über unser Haus, unseren Garten, das Geräusch ist beängstigend. Manchmal träume ich von Bombenangriffen, ich, die das nie erlebt hat – die Angst lähmt mich dabei, ich liege im Bett, weine, kralle mich an meiner Decke fest und erwarte das Schlimmste. Keiner kommt mich holen, ich kann nicht aufstehen – am nächsten Morgen sagt meine Mutter, es war ein Gewitter. In meiner Angst hab ich die Bomber über unser Haus und die nahe Kirche fliegen sehen, die Blitze für explodierende Bomben gehalten. Ich sehe den Blick von meinem Bett in den Himmel und auf das Kirchendach noch heute vor mir mit den eingebildeten Bombenflugzeugen.

Ein Traum, den ich als Kind mehrmals träumte: Ich bin vielleicht 5 oder 6 Jahre alt und will meine Großeltern besuchen. Ich habe ein kleines grünes Auto, das ist meins, grade richtig groß genug, dass ich damit fahren kann. Ich fahre in Loburg los, nicht von unserem Haus aus, sondern die Reise beginnt hinten bei den Gärten an der Ehle – ein Weg, von dem aus zu jedem Garten ein Brückchen über das Flüsschen geht. Ich komme nach Magdeburg, fahre dort über die Elbbrücke und nun beginnt eine Irrfahrt. Ich weiß nicht, wie ich zum Haus meiner Großeltern komme – alle Straßen sind von Ruinen gesäumt, alles sieht gleich aus, nur kaputte Häuser, ich fahre mit meinem kleinen Autochen durch die links und rechts aufragenden Haushüllen mit den leeren Fenstern und Türen, irre durch ein Ruinengebirge, in dem ich das einzige intakte Haus, das meiner Großeltern, nicht finde.

Ich erinnere mich weiter: Meine Mutter verbietet uns jegliches Kriegsspielzeug: Gewehre, Pistolen, Spielzeugsoldaten und –fahrzeuge. Wir bauen uns heimlich Pistolen aus Wäscheklammern und Gummi, mit denen man mit Erbsen schießen kann, später hab ich ein geschnitztes Holzmesser und baue Flitzebögen und Steinbeile – Indianer-Spiel ist erlaubt.

Ich erinnere mich: Mein Vater erlaubt nicht, eine ganze Wurstscheibe aufs Brot zu legen. Eine halbe reicht! Noch gibt es auch Lebensmittelmarken. Ich gehe jeden Tag in den Milchladen, Milch holen. Jede Familie bekommt pro Kind einen halben Liter zugeteilt. Im Milchladen gibt es auch Quark in einer großen Schüssel. Der sieht so unglaublich lecker aus – wie der süße Brei aus dem Märchen! Aber von dem Quark bekommen nur Menschen etwas, die Diabetiker sind oder eine andere Diät brauchen. Wir sind gesund und dürfen keinen Quark bekommen. Als ich nach vielen Jahren dann das erste Mal Quark aß, war ich enttäuscht. Er schmeckte gar nicht wie der süße Brei.

Ich habe also nie persönlich einen Krieg erlebt. Dafür bin ich sehr dankbar. Es kann einem schnell ganz normal scheinen, daß hier natürlich kein Krieg sein wird (es gab ja so lange keinen). Ich muß mir Aufmerksamkeit erhalten und wachsam bleiben, daß ich Zeichen erkenne und auch solidarisch bleibe für die Not in der Welt und hier bei uns. Das fängt beim Erinnern an und richtet von dort den Blick ins heute.

Und so gilt eigentlich immer noch, oder auch wieder der Text von Brecht, der mit der Musik von Eisler es wert gewesen wäre, 1990 die Nationalhymne des „neuen Deutschland“ zu werden:

Bertold Brecht
Kinderhymne

Anmut sparet nicht, noch Mühe,
Leidenschaft nicht, noch Verstand!
Das ein gutes Deutschland blühe,
wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
wie vor einer Räuberin.
Sondern ihre Hände reichen,
so wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
andern Völkern wolln wir sein,
von der See bis zu den Alpen,
von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern,
lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen
so wie andern Völkern ihr’s.